Die Angst, Leben zu schenken

Organspende: die Angst, Leben zu schenken
Von links: Die Professoren Thomas Bein und Martin Loss, Martina Kunz, Elke Weichser, Peter Schlauderer und Brigitte Herzog.

Schlechte Information und Gerüchte schrecken mögliche Organspender ab

Wörth. (nop) Bequemlichkeit und Unwissenheit sind die Hauptgründe dafür, dass nicht einmal jeder fünfte Bayer einen Organspendeausweis bei sich trägt. Im Falle eines tödlichen Unfalls oder Schlaganfalls bürdet man so seinen Verwandten die Last auf, zu entscheiden:
Sollen die Organe fremde Leben retten oder nicht? Professor Thomas Bein von der Intensivstation am Uniklinikum Regensburg berichtete, dass er gesetzlich verpflichtet sei, diese Frage zu stellen, auch wenn sie die Angehörigen „an den Rand der Belastbarkeit“ bringt.

Gerne rühmt man sich hierzulande, besonders aufgeklärt und hilfsbereit zu sein. Eine Illusion, wie Beins Kollege, der Transplantationsmediziner Professor Martin Loss, anhand von Statistiken belegen konnte. Eingeladen wurden die beiden Ärzte von der Werbegemeinschaft Wörth – Elke Weichser hieß sie willkommen – und der Frauen Union, in deren Namen sich Martina Kunz bedankte. Außerdem waren Brigitte Herzog, die Mutter einer Organspenderin, und Peter Schlauderer, fünffacher Vater und Empfänger von drei Organen, eingeladen worden.

Bestehender Mangel führte zu Betrugsversuchen

Tatsächlich sind die Bayern europaweit Schlusslicht, wenn es darum geht, nach dem Hirntod eines Patienten Spenderorgane an andere Todkranke zu verteilen, klärte Loss die rund 30 Zuhörer im Bürgersaal auf. Die Hälfte aller Deutschen glaubt, dass Organe zu früh entnommen würden, dass man also bei lebendigem Leib ausgeschlachtet werde, wenn man sich als Organspender angeboten habe. Zwei Drittel meinen sogar, Organe oder eine bevorzugte Zuteilung derselben seien auf legalem Wege käuflich, etwa für Privatpatienten.

Schuld an diesen Vorurteilen seien fraglos die Medizin-Skandale der letzten Jahre, bei denen etwa auch ein Regensburger Arzt Unterlagen gefälscht haben soll, damit seine Patienten auf der europaweiten Warteliste weiter oben standen.
„Es gab diese schwarzen Schafe“, bestätigte Bein unumwunden, gab aber zu bedenken, dass es der immer schon bestehende Mangel an Spenderorganen gewesen sei, der überhaupt erst zu solchen kriminellen Versuchen geführt habe. Die Einführung der sechs-Augen-Regel, dass also neutrale Ärzte Bedürftigkeit und Heilungschancen anonym bewerten, habe dies inzwischen ausgeschlossen.

Vorurteile aus den Medien töten Menschen

Dennoch: „Es herrscht blanke Not.“ Der öffentliche Vorwurf, es würden Handel betrieben und reiche Patienten bevorzugt, sei „bösartig und niederträchtig“. Trotzdem hätten Medien dies wieder und wieder behauptet – und haben dadurch womöglich selbst Tote auf dem Gewissen.

Seit dem letzten großen Skandal vor drei Jahren sei die ohnehin geringe Spendenbereitschaft nochmals enorm eingebrochen. Täglich sterben bis zu fünf der 12000 Menschen auf der Warteliste von Eurotransplant, weil die ersehnte Rettung ausbleibt. Deutschland stehe besonders in der Kritik, weil netto mehr Organe aus dem Ausland gebraucht werden, als man selbst anbieten kann, erklärte Loss.

Den Hirntod wollen viele nicht wahrhaben

Deshalb sind deutsche Intensivmediziner gesetzlich verpflichtet, sobald sie den Hirntod eines Patienten trotz aller technischer Möglichkeiten nicht mehr verhindern können, seine Spendebereitschaft festzustellen.
Hat der Tote zu Lebzeiten versäumt, seinen Willen klar zu äußern oder ihn niederzuschreiben, müssen die Verwandten nach dem „mutmaßlichen Willen“ befragt werden.

Spenderausweis entlastet die Hinterbliebenen

Bein hat bereits mehrere hundert solcher Gespräche führen müssen und es sei „immer eine schwierige Situation für alle. Trauernde geraten an den Rand der Belastbarkeit. Trotzdem müssen Entscheidungen getroffen werden.“
Ganze sechs Mal habe ein Organspendeausweis ihm und den Hinterbliebenen diese Bürde abgenommen. Erschwerend komme hinzu, dass der Hirntod für viele noch immer etwas Unbegreifliches sei – obwohl das Herz und die Lunge von Maschinen in Bewegung gehalten werden, gibt es keine Hoffnung – wer will das schon wahrhaben. Immerhin biete die Universität die modernste Bildschirmdiagnostik, die einen irreversiblen Hirntod mit absoluter Sicherheit zeige.

Artikel der Donau-Post, erschienen am Freitag, 19. Juni 2015
(Foto: Nopper)

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