Miteinander reden, statt übereinander

Staat fördert Coachings und Mediationen für Mitarbeiter – Vortrag beim Unternehmertreff

DONAU-POST, Donnerstag, 25. Januar 2018

Wörth. „Du hast hier nichts zu melden und wenn Dir was nicht passt, kannst Du gehen!“ – Chefs, die so mit ihrem Personal umspringen, müssen sich nicht wundern, wenn sie bald alleine dastehen. Arbeitnehmer beurteilen ihren Beruf immer mehr danach, ob sie neben ihrer Bezahlung auch als Mensch Wertschätzung erfahren – und kündigen, wenn sie was Besseres finden. Weil neue Bewerber schwer zu finden und teuer einzuarbeiten sind, hat der Bund ein Förderprogramm speziell für kleine und mittlere Unternehmen aufgelegt: Externe Berater sollen Beschäftigten helfen, ihre Bedürfnisse auszudrücken und das Wir Gefühl in den Firmen stärken. Bis zu 8000 Euro macht das Arbeitsministerium dafür je nach Unternehmensgröße locker.

Nicht nur in Wörth kämpfen kleine und mittlere Unternehmen mit dem Fachkräftemangel. So manches Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern ist schon froh, wenn sich überhaupt noch jemand für eine Ausbildung interessiert. Die Kollegen, die man hat, werden auch nicht jünger und wachsender Konkurrenzdruck kann alle zusammen irr und krank machen. Zwar bieten etliche Berater und Coaches ihre Hilfe an, wirklich guter Rat ist aber buchstäblich teuer – bisher.

Teil der Initiative „neue Qualität der Arbeit“

Mit dem Programm „unternehmensWert: Mensch“ fördert das Bundesarbeitsministerium gezielt da, wo es einen objektiven Blick von außen braucht – denn oft beruhen Streit und Reibereien auf gegenseitigem Mangel an Verständnis. Mit der Juristin, Stadtplanerin und Mediatorin Stefanie Utz aus Regensburg hatten die Stadt Wörth und der Werbekreis eine „zertifizierte Prozessberaterin“ eingeladen, die erläuterte, für wen und wofür im Einzelnen Geldmittel des Bundes bereitstehen. „Gefördert werden Unternehmen, die ihre Mitarbeiter fördern wollen; die sich fragen: Wie halte ich meine Leute und wie halte ich sie gesund?“ Durch ein besseres Betriebsklima soll der Erfolg der Unternehmen selbst langfristig gesichert werden.

Die Erstberatung in Niederbayern und der Oberpfalz organisiere die IHK Passau mit regelmäßigen Sprechstunden auch in Regensburg. „Wenn sich genug Unternehmer melden, kann die Beratung auch vor Ort stattfinden“, berichtete Utz. Bei diesem Gespräch müssten die Firmenchefs in einem Fragebogen angeben, um wie viele Mitarbeiter es geht und welche Probleme überhaupt vorliegen. „Sie müssen sich auch überlegen, wohin Sie sich entwickeln wollen“, bereitete Utz die Geschäftsleute vor, dass sie auch viel von sich selbst würden preisgeben müssen.

Die Erstberatung prüfe dann, in welchem von vier Handlungsfeldern am ehesten eine Beratung sinnvoll ist (Führung, Chancengleichheit&Diversität, Gesundheit oder Wissen&Kompetenz) und stellt einen Beratungsschein aus, der eine teilweise Kostenübernahme zusichert.
Bei Unternehmen unter 249 Mitarbeitern seien dies bis zu 50 Prozent, bei Firmen unter zehn Mitarbeitern sogar bis zu 80 Prozent.

Auch Familienbetriebe sind willkommen

Gefördert werden im Verlauf eines Prozesses bis zu zehn Tage mit zertifizierten Beratern, die jeweils bis zu 1000 Euro kosten dürfen. „Von 10000 Euro beträgt dann der Eigenanteil nur 2000 Euro. Gerade für Familienbetriebe, bei denen eine Geschäftsübergabe ansteht, ist das ein unschlagbares Angebot“, warb Utz, mit der Einschränkung, dass nur angemeldete Mitarbeiter an Maßnahmen teilnehmen können. So ein Prozess – mit mehreren Tranchen von Beratungstagen und Bewertungsgesprächen dazwischen – könne gut und gerne ein Jahr dauern.
Immerhin übernehme der Prozessberater den Großteil der Bürokratie für seinen „Kunden“, fülle Formulare aus und führe Protokoll.

Anzeichen von Burnout und Mobbing beachten

Projektmanager Thomas Kuhnt, der Utz auch vorgestellt hatte, fragte, ob es neben offensichtlichem Streit auch andere Anzeichen für Beratungsbedarf gebe. „Achten Sie auf Verhaltensänderungen! Wenn jemand, der vorher gerne gelacht hat, sich zurückzieht, wenn jemand stark ab- oder zunimmt, dann sind das oft Anzeichen für Burnout oder Mobbing“, empfahl die Expertin. Im Übrigen sollten Mitarbeiter, die sich unwohl fühlten, nicht zögern, ihren Chef auf das Programm hinzuweisen: „Wann kriegt man sonst schon mal so viel Zuschuss?“
Gelegentlich fördere eine Beratung auch überraschende Ergebnisse zutage; Utz berichtete von einem Fall, bei dem eine Firma ihr zwei zerstrittene Kolleginnen zur Mediation anvertraut hatte. „Eigentlich hatten die beiden gar nichts gegeneinander. Es war der gemeinsame Vorgesetzte, der sie immer gegeneinander ausgespielt hat, um seine eigene Macht zu festigen. Der Mann, ein richtiger Choleriker, Mitte 40, hatte es geschafft, dass aus Angst vor ihm alle geschwiegen hatten. Der nimmt inzwischen an einem Einzelcoaching teil und muss viel an sich arbeiten.“

Auch Bürgermeister Anton Rothfischer war bei dem Abend anwesend und freute sich über das sinnvolle Förderprogramm. Auch die Kommune nehme vergleichbare Beratungsangebote wahr. Er wiederum, inzwischen bekannt für seine bisweilen aufbrausende Art, bat mit einem Augenzwinkern um Verständnis, dass er nun mal schon so sei, wie er sei. –nop–

Das Förderprogramm

Für die Erstberatung von „unternehmensWert:
Mensch“ ist Christiane Ksienzyk von der IHK Passau, Telefon 0851/507484, E-Mail ksienzyk@passau.ihk.de, zuständig. Nähere Informationen zur Förderfähigkeit von Beratungsmaßnahmen für eine bessere Personalpolitik gibt es auf der Webseite www.unternehmens-wert-mensch.de. Das Programm läuft mindestens noch bis Ende 2018, bereits begonnene Prozesse werden voraussichtlich auch darüber hinaus gefördert.

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